Johannes Richter

"Bildung ist Zukunft"

Es gibt verschiedenste Gründe, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Und es gibt mindestens ebenso viele Geschichten. Dies ist die Geschichte der Geschwister Mujdah (14) und Amir (13). Sie nahmen an den Werkstatt-Tagen im Bildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer teil.

Zusammen mit 47 Schülern der Johannes-Häußler-Schule sowie weiteren sechs Werkrealschulen und Gemeinschaftsschulen wurden sie auf die kommende Ausbildungsphase vorbereitet. Bis dahin war es für die beiden zusammen mit ihrem kleinen Bruder und den Eltern ein langer, nasser und steiniger Weg.

Gemüsekarren als bisherige Lebensgrundlage

Vor dem Krieg verdiente der Vater als Gemüsehändler mit zweirädrigen von Hand gezogenen Pritschenwagen in den Straßen von Bagram, rund 60 Kilometer nördlich von Kabul, den Lebensunterhalt der Familie. Der Vater möchte unbedingt die Schulbildung. Allerdings geht nur Amir ein Jahr zur Schule. Für Mujdah war die Lage im Kriegsgebiet den Eltern am Ende zu gefährlich. Nebenbei bringen sich die Kinder zusammen mit einer Bekannten zuhause über eine Handy-App englisch bei.

2014 startet die Familie die Flucht von Afghanistan zu Fuß in den Iran. Zum Teil mit vielen fremden Leuten, wie Mujdah berichtet. Mit einem kleinen, überfüllten Schlauchboot kommen sie in Griechenland an. Teilweise zehn Stunden laufen sie durch die Nacht. Streckenweise werden sie von Lastwagen mitgenommen. Stundenlang laufen sie über Schotter und Schienen. An einer Bahnstrecke wird Mujdah übermüdet von einem herannahenden Zug an der Schulter erfasst. Erwachsene ziehen sie gerade noch rechtzeitig zur Seite.

Über Ungarn und Österreich kommen sie schließlich in Passau an. Von München aus kommt die Familie in eine Flüchtlingsunterkunft in Neckarsulm, wo die beiden Geschwister die Sprachklasse der Johannes-Häußler-Schule besuchen. Beide sprechen zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort Deutsch.

Zwei sehr engagierte Schüler

Für die Klassenlehrerin Katharina Zubke sowie Ludwig Schäfer, Koordinationslehrer der Werkstatt-Tage für die Johannes-Häußler-Schule, sind es zwei sehr engagierte Schüler. Die erste Wahrnehmung war, dass die Jugendlichen bestimmt aus Familien mit Bildungshintergrund kommen müssen. Erst nach mehreren Gesprächen stellte sich heraus, dass es bei beiden vielmehr die Einstellung ist, etwas lernen zu wollen.

Für die Eltern von Mujah und Amir ist es ein großes Anliegen, den Kindern eine bessere Zukunft zu geben. "Mir ist bewusst, dass Bildung Zukunft bedeutet", sagt der Vater.

Während der Werkstatt-Tage war ein Polizeieinsatz im Wohnheim. Für die Jugendlichen war in dieser Nacht nicht an Schlaf zu denken. Dennoch wollte Amir nichts von den Werkstatt-Tagen versäumen und war pünktlich um acht Uhr in der Werkstatt.

Sprache als Schlüssel

Im Gespräch, das BTZ-Leiter Johannes Richter und die Klassenlehrerin Katharina Zubke mit den Geschwistern im Rahmen der Werkstatt-Tage führt, bestätigt sich der Eindruck. Es fällt den Geschwistern noch schwer, dem Gesprochenen zu folgen. Einzelne Wörter werden ins Englische übersetzt. Wo es nicht funktioniert, hilft der PC mit der Übersetzung ins Persische. Aber der Wille von beiden ist da.

Zwei funktionierende Radios stehen mittlerweile vor ihnen. Die Elektronik hatten sie als schnellste ihrer Gruppe fertig. Mehrere Sender können jetzt empfangen werden und werden auch die Flüchtlingsunterkunft mit Musik und Informationen versorgen. Im Herbst werden die beiden wieder im BTZ sein und Handwerksberufe im Metallbereich kennenlernen.

Bis dahin werden sie weiterhin die Sprachklasse der Johannes-Häußler-Schule in Neckarsulm besuchen. Die Wörter „Handwerk“, „Werkstatt-Tage“ und die Abkürzung „BTZ“ haben für beide Inhalte bekommen. Ein weiterer Schritt in ihre bessere Zukunft.

Hintergrund

Die Werkstatt-Tage werden in der 8. und 9. Klasse mit Unterstützung des  Berufsorientierungsprogramms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg durchgeführt und finden im Bildungs- und Technologiezentrum statt. Die Jugendlichen werden während der Werkstatt-Tage von erfahrenen Ausbildern angeleitet und erhalten regelmäßig Rückmeldung zu ihrem Verhalten und ihren Stärken im jeweiligen Berufsfeld. Die Jugendlichen erhalten eine erste Vorstellung davon, was im späteren Berufsleben auf sie zukommt und wofür schulisches Lernen wichtig ist.