Achim Hofmann

Entspannt sitzen bleiben

In einer Projektwoche bauten Schüler der Gemeinschaftsschule Wertheim verschiedene Sitzgelegenheiten auf dem Schulhof. In der Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk hatten sie die Ideen dazu entwickelt.

Sitzen bleiben - zwei Worte, die Schüler so kurz vor den Sommerferien nicht hören möchten. Für 16 Schüler der Gemeinschaftsschule Wertheim ging es aber in der vorletzten Woche des Schuljahres genau darum: Sie schufen im Rahmen einer Projektwoche drei verschiedene Bauwerke für den Schulhof, die zum sitzen bleiben einladen - natürlich im wörtlichen und nicht im übertragenen Sinn. Die Ideen dazu hatten die Achtklässler in diesem Schuljahr in der Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk entwickelt, einem Pilotprojekt der Handwerkskammer zur praktischen Berufsorientierung an Schulen.

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 Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk

Improvisieren ist gefragt

In einem überdachten Bereich des Schulhofs baut eine Gruppe von Schülern eine Lounge aus gebrauchten Paletten. Angeleitet werden sie dabei von Fabian Klüpfel. Er ist Lehrling im zweiten Lehrjahr bei der Schreinerei Kraft in Wertheim, die das Projekt gemeinsam mit weiteren Betrieben unterstützt. "Ich habe bereits mit Flüchtlingen Möbel aus Paletten gebaut", erklärt der Wertheimer seinen Einsatz als "Palettenexperte". Auch seine Achtklässler hat er gut im Griff. "Obwohl ich nach dem ersten Tag dachte, das wird nie was", lacht er. Kein Wunder, schließlich verbrachten er und die Schüler die ersten beiden Tage fast nur damit, Paletten glatt zu schleifen und zu ölen. Am vorletzten Tag ist die Gruppe bereits bei den Lehnen für das individuelle Möbelstück angekommen. Kirill schraubt gerade die dafür zurecht gesägten Paletten an die Sitzfläche. "Mir hat die Arbeit hier Spaß gemacht", erzählt er als der Akkuschrauber kurz schweigt. Trotzdem ist die Antwort auf die Frage nach seinem Berufswunsch nicht Schreiner: Bauzeichner würde er gerne werden. Fabian Klüpfel fand besonders gut, dass er hier komplett improvisieren konnte und "frei nach Schnauze" arbeiten durfte. "Da konnte ich auch die Schüler einbinden und sie fragen, wie sie ein Problem lösen würden." Und Niklas kann sich nun zumindest ein Praktikum in der Schreinerei vorstellen. Auch wenn er eigentlich "keine Häuser bauen", sondern Software-Informatiker werden möchte.

Handwerk authentisch erleben

Improvisieren ist auch für Heiko Reinhardt ein Vorteil im Handwerk. Der technische Fachlehrer der Gewerblichen Schule in Tauberbischofsheim baut mit einer zweiten Gruppe auf der anderen Seite des Schulgebäudes eine Sitzbank. "Geht nicht, gibts nicht", erklärt er Jonas, Emil und Berkan. "In der Industrie wäre das jetzt Ausschuss. Bei uns gilt: Was nicht passt, wird passend gemacht. Das ist Handwerk!", betont der gelernte Zimmermann. Davon hatten die Jungs bei dieser Bank viel: zuerst ein 60 Zentimeter tiefes Loch für das Fundament ausheben, Beton gießen, die Beine der Bank mauern, die Balken für die Sitzflächen einpassen und verschrauben und das ganze streichen. Der Fachlehrer ist vom Einsatz der Schüler begeistert: "Als ich am Montag gegen Mittag hier ankam, war die erste Frage: Wo bleibt der Beton?", erinnert sich Heiko Reinhardt. Obwohl er weiß, dass dahinter auch der Wunsch nach einen frühen Feierabend steckte, wirbt er bei den Schülern für sein Handwerk: "Die Zeiten der 'Buckelei' auf dem Bau sind dank technischer Hilfmittel vorbei. Dafür kommt man viel rum, der Verdienst ist mit der beste, den es in der Ausbildung gibt und die Jobaussichten hervorragend." 

 

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Achim Hofmann

 

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Achim Hofmann

Fensternischen als bunte Bänke

Ein paar Meter weiter beweisen Vanessa und Lavinia, dass auch die Mädchen der Gemeinschaftsschule kräftig mitanpacken können. Zu zweit schleppen die Achtklässlerinnen eine der vorbereiteten Sitzflächen für die Fensternischen am Schulgebäude an ihren Platz. "Die ersten Tage haben wir die Mauer um die Nischen grundiert und mit frischer Farbe gestrichen", erzählt Vanessa. Danach haben sie die Bretter lasiert und auf die Unterkonstruktion geschraubt. Jetzt messen und passen sie die Bänke noch in die Nischen ein, bevor sie fest verschraubt werden. "Die Schüler haben sich früher schon immer in die Nischen gesetzt. Daher kam die Idee hier eine richtige Sitzmöglichkeit zu bauen", erklärt Lavinia. Beiden hat die Erfahrung der Lernwerkstatt gut gefallen. "Es war mal was Neues und man hat auch viel Wissen mitgenommen", sagt Vanessa. Trotzdem: beruflich sieht sie sich später eher als Erzieherin oder Hotelfachfrau. Lavinia zieht es in den Bereich Technik: Technische Produktdesignerin steht auf ihrer Wunschliste ganz oben.

Großes Lob vom Präsidenten

Ulrich Bopp, Präsident der Handwerkskammer und als Maurermeister selbst ein Vertreter des Bauhandwerks, ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, die fertigen Bauwerke vor Ort zu besichtigen. "Ich bin wahnsinnig stolz auf euch", ließ er die Schüler wissen. Auch er verdeutlichte den Jugendlichen noch einmal die guten Verdienstmöglichkeiten und großen Chancen im Bauhandwerk. "Seht zu, dass ihr einen handwerklichen Beruf erlernt", war sein Rat gegen den Trend zum Studium. "Ich würde mich freuen, wenn ich einen von euch in ein paar Jahren bei einer Gesellen- oder Abschlussfeier auf der Bühne wiedersehe."