ErfolgsgeschichteEin Glücksfall aus Indien

Seit Oktober 2024 bildet Fleischer-Obermeister Harald Hohl den Inder Naved Khan zum Fleischereifachverkäufer aus – eine besondere Geschichte, von der beide Seiten profitieren.

Ein Fleischereifachverkäufer-Azubi bedient in einer Metzgerei eine Kundin.
Patrick Heckler

„Das Bedienen macht mir sehr viel Spaß“, sagt Naved Khan mit einem Lächeln auf den Lippen, wenn er über seine Ausbildung zum Fleischereifachverkäufer spricht. Der 21-jährige Inder absolviert inzwischen sein zweites Ausbildungsjahr bei der Metzgerei Hohl im Obersulmer Ortsteil Affaltrach – und ist überglücklich. „Er wird von der Kundschaft gelobt und anerkannt“, berichtet sein Chef Harald Hohl stolz. Der Obermeister der Fleischer-Innung Heilbronn-Hohenlohe-Schwäbisch Hall lernte Khan vor knapp zwei Jahren über eine Agentur kennen, die indische Fachkräfte und potenzielle Auszubildende an deutsche Betriebe vermittelt.

Nachwuchsmangel begegnen

Die Zusammenarbeit von Hohl und Khan hat ihren Ursprung in einem Pilotprojekt, das im März 2021 von der Handwerkskammer Freiburg und der Fleischer-Innung Lörrach ins Leben gerufen wurde, um dem Nachwuchsmangel aktiv entgegenzuwirken. „Wir finden hierzulande kaum noch junge Menschen, die im Fleischerhandwerk arbeiten möchten. Daher sind wir gezwungen, kreativ zu sein und neue Wege zu gehen“, erklärt Harald Hohl.

Im Herbst 2022 kamen schließlich 13 indische Auszubildende nach Südbaden. Zuvor hatten sie in ihrer Heimat erfolgreich einen Deutschkurs absolviert und das Visum- sowie das Bewerbungsverfahren durchlaufen. Da sich diese Art der Nachwuchsakquise bewährt hat, setzen inzwischen auch weitere Fleischer-Innungen in Baden-Württemberg auf dieses Modell.

In der Region Heilbronn-Franken gab es laut dem aktuellen Berufsbildungsbericht der Handwerkskammer zum Jahresende 2025 insgesamt 70 Fleischer-Auszubildende – 20 mehr als im Jahr zuvor. Allein im Herbst 2025 gab es 43 Ausbildungsanfänger (+21). Auch bei den Fleischereifachverkäufern ist die Entwicklung mit aktuell insgesamt 54 Auszubildenden (+21) bemerkenswert. Dabei hat sich die Anzahl der Ausbildungsanfänger von 17 im Jahr 2024 auf 35 im Jahr 2025 sogar mehr als verdoppelt. Laut Hohl wurden neben Indien inzwischen auch mit weiteren Ländern wie Marokko, Nepal und Vietnam erfolgreiche Partnerschaften etabliert, was sich positiv auf die Ausbildungszahlen auswirkt. Die Ausweitung des Talentpools zeigt demnach die erhoffte Wirkung.

Wir finden hierzulande kaum noch junge Menschen, die im Fleischerhandwerk arbeiten möchten. Daher sind wir gezwungen, kreativ zu sein und neue Wege zu gehen.

Harald Hohl, Obermeister der Fleischer-Innung Heilbronn-Hohenlohe-Schwäbisch Hall

Von Delhi nach Affaltrach

Bis es zum „Perfect Match“ zwischen Hohl und Khan kommen konnte, war jedoch ein größerer Kraftakt nötig. Zunächst half die Agentur Naved Khan dabei, das erforderliche Sprachniveau B1 zu erreichen, das Visum zu beantragen und seine Bewerbungsunterlagen einzureichen. Anfang Juli 2024 kam es dann per Facetime zum Bewerbungsgespräch mit Harald Hohl, der sofort begeistert war.

Danach musste Hohl einige bürokratische Hürden überwinden: „Von der Agentur für Arbeit bis zum Auswärtigen Amt standen zahlreiche Termine auf meiner Agenda. Man muss zig Nachweise erbringen, bevor das Ausbildungsverhältnis beginnen kann.“ Der 67-jährige Metzgermeister macht auch seinem Ärger über die Vermittlungsagentur Luft: „Die kassieren von den jungen Indern mit der Aussicht auf eine rosige Zukunft in Europa eine Menge Geld für einen vergleichsweise geringen Aufwand. Die 5.000 Euro, die Naved der Agentur zahlen musste, sind schlichtweg unverhältnismäßig.“

Doch Hohl und Khan machen das Beste daraus. Hohl zahlt seinem neuen Auszubildenden nicht nur den Flug von Delhi nach Frankfurt, sondern holt ihn Anfang Oktober 2024 auch vom Flughafen ab und stellt ihm eine großzügige Wohnung direkt über der Metzgerei in Affaltrach zur Verfügung. „Als ich Naved die Wohnung gezeigt habe, hat er mich gefragt: ‚Ist das alles für mich?‘ Er konnte es zunächst gar nicht glauben“, berichtet Hohl. Nach ein paar Tagen Eingewöhnungszeit in der neuen Heimat startete Khan Mitte Oktober 2024 dann so richtig durch mit seiner Ausbildung zum Fleischereifachverkäufer.

Vorfreude aufs Wiedersehen

„Alles war anders, es war Neuland für mich“, sagt Naved Khan in sicherem Deutsch, das er unter anderem durch wöchentliche Sprachkurse kontinuierlich verbessert. Er kam nach Deutschland, um hier auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, was in Indien aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit schwierig ist. Dies gelingt ihm dank der tatkräftigen Unterstützung von Familie Hohl, seinen hilfsbereiten Kollegen sowie fünf indischen Mitschülern aus seiner Berufsschulklasse. „Wir haben uns erst hier kennengelernt, sind aber inzwischen Freunde geworden und verbringen auch gerne unsere Freizeit miteinander“, erzählt er.

In der Metzgerei Hohl umfasst sein Aufgabengebiet alles rund um den Verkauf: Er richtet die Theke her, bereitet Fleischspieße zu, betreut die Wärmetheke und berät die Kunden. In der Regel folgt auf zwei Wochen im Betrieb eine Woche in der Berufsschule, in der Khan und seine insgesamt elf Mitschüler mit dem theoretischen Rüstzeug ausgestattet werden. Sobald er seine dreijährige Ausbildung erfolgreich beendet hat, soll er bei der Metzgerei Hohl als Geselle einsteigen.

Mit seinen Eltern und seinen sechs Geschwistern, die im zentralindischen Bundesstaat Haryana leben, hält er täglich per Facetime Kontakt. Seit seiner Ankunft in Deutschland wartet die Familie auf das Wiedersehen. „Im August ist es endlich so weit. Dann wird meine Schwester heiraten“, kündigt Khan voller Vorfreude auf die große Feier an. Wenn er anschließend wieder nach Affaltrach zurückkommt, startet er in sein letztes Ausbildungsjahr – und kommt seinem Traum von einer abgeschlossenen Ausbildung zum Fleischereifachverkäufer einen großen Schritt näher.



Pressemitteilung der Handwerkskammer vom 6. März 2026