Älterer Mann sitzt auf einem Stuhl, vor ihm kniet eine junge Frau, die ihm eine Unterschenkel-Prothese am linken Bein anlegt.
Frank Lutz/Hohenloher Tagblatt

Trotz Krankheit bestens im Rennen

Linda Schinko erlernt in Teilzeit den Beruf der Orthopädietechnik-Mechanikerin beim Sanitätshaus Movere.

Hochmotiviert begann Linda Schinko im März 2020 ihre Ausbildung als Orthopädietechnik-Mechanikerin beim Schwäbisch Haller Sanitätshaus Movere. Doch nach nicht einmal fünf Monaten traf die heute 36-Jährige, die zuvor lange als Pflegehelferin und in der Demenzbegleitung gearbeitet hatte, eine Autoimmunerkrankung. Ihr war klar: „Es geht nicht mehr in Vollzeit.“ Manch anderer hätte in dieser Situation das Handtuch geworfen und die Ausbildung abgebrochen. Schinko dagegen ist bei Movere geblieben, hat kürzlich ihr erstes Werkstück, eine Unterschenkelprothese, fertiggestellt und möchte in diesem Sommer ihre Abschlussprüfung ablegen. Wie ist das möglich?

Betrieb muss zustimmen

Linda Schinko profitiert von einer Neuerung, die Anfang 2020 in Kraft trat: Seitdem darf jeder Auszubildende die Ausbildung in Teilzeit machen, sofern der Ausbildungsbetrieb zustimmt. In Schinkos Fall bedeutet das: Sie arbeitet nur noch zu 80 Prozent, also sieben Stunden am Tag. Rund 40 Ausbildungsverträge in Teilzeit sind derzeit bei der Handwerkskammer Heilbronn-Franken eingetragen.

Für Ausbildungsberaterin Marion Christ liegen die Vorteile auf der Hand: „Betriebe können dadurch mehr Menschen eine Ausbildung ermöglichen und neue Zielgruppen für ihre Lehrstellen erreichen.“ Interessant seien Ausbildungen in Teilzeit etwa für Azubis mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Aber auch Umschüler mit Nebenjobs, Menschen mit Lernbeeinträchtigungen, Geflüchtete, die Sprachkurse besuchen, oder Leistungssportler mit hohen Trainingszeiten könnten profitieren.

Gute Organisation gefragt

Gleichzeitig stelle das Modell Azubis und Betriebe aber auch vor Herausforderungen. Die Betriebe müssten die Arbeitszeit genauer festlegen und gut organisieren. Ausbildungsinhalte müssten in weniger Zeit vermittelt werden oder es verlängere sich die Ausbildungszeit. Auch Schinko und Movere-Geschäftsführer Klaus Hartmann sehen die besonderen Herausforderungen aus weniger Praxiserfahrung und mehr Stoff, der in kürzerer Zeit gelernt werden muss. Trotzdem sagt Schinko: „Es ist auf jeden Fall eine spürbare Erleichterung für mich.“ Sie fühle sich nun weniger unter Druck, könne sich intensiver um ihren neunjährigen Sohn kümmern, und gesundheitlich gehe es ihr deutlich besser.

Und auch Hartmann steht voll hinter seiner Auszubildenden: „Ich hatte schon sehr viel Erfahrung mit Teilzeit-Mitarbeiterinnen. Es war keine große inhaltliche Hürde für mich.“ Die Beantragung des Teilzeitmodells war unkompliziert: „Wir haben uns intern geeinigt, und es gab keine Bürokratie“, berichtet Hartmann. Das bestätigt Ausbildungsberaterin Christ: „Die wöchentliche und tägliche Arbeitszeit wird individuell zwischen Ausbildungsbetrieb und Azubi im Lehrvertrag vereinbart – entweder direkt zu Beginn der Ausbildung oder als Änderungsvertrag während der Ausbildung.“ Ein Antrag ist nicht mehr notwendig.

>> Es ist eine spürbare Erleichterung. <<

Linda Schinko, Auszubildende zur Orthopädietechnik-Mechanikerin

>> Ich hatte schon viel Erfahrung mir Teilzeit-Mitarbeiterinnen. Es war keine Hürde für mich. <<

Klaus Hartmann, Orthopädietechnikermeister

>> Die Arbeitszeit wird individuell zwischen Ausbildungsbetrieb und Azubi vereinbart. <<

Marion Christ, Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer

Fast die Klassenbeste

Individuelle Gründe sprachen auch bei Franka Kaufmann, die Jürgen Imhof in seinem gleichnamigen Salon zur Friseurin ausbildet, für eine Reduzierung der Arbeitszeit auf 80 Prozent. Bis jetzt laufe alles bestens, berichtet der Tauberbischofsheimer Friseurmeister: „Sie hat einen Notendurchschnitt von 1,1 und ist fast die Klassenbeste.“ Ähnlich erfolgreich war eine weitere Auszubildende vor zwei Jahren, die ebenfalls auf Teilzeit reduziert hatte. „Ich priorisiere das auf keinen Fall, aber wenn gute Gründe vorliegen, habe ich kein Problem damit“, sagt Imhof. „Die Person muss aber das notwendige Potenzial mitbringen.“ Das sieht Kerstin Reuter, Ausbilderin bei rp Gebäudereinigung in Bad Rappenau, ähnlich: „Für jemanden, der bei null anfängt, ist es fast nicht machbar.“ Doch ihre derzeitige Auszubildende zur Bürokauffrau war zuvor bereits als Praktikantin im Unternehmen: „Sie kannte den Betrieb und ich konnte sie einschätzen.“ Schon bei der Einstellung war klar, dass die Mutter zweier Kinder nur zu 75 Prozent arbeiten würde. 

(Text: Frank Lutz/Hohenloher Tagblatt)

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